Predigtgedanken zu Micha 7, 18-20

3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2020

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen,
die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält,
denn er hat Gefallen an Gnade!
Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten
und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.
Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen,
wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.                                       Micha 7, 18-20

Liebe Gemeinde,

Jakob hatte nicht gefragt: Wo ist Gott? Und schon gar nicht hatte er gefragt: Wo ist ein Gott wie du? Ich weiß gar nicht, ob dieser Jakob zuvor jemals mit Gott gesprochen hatte. Bis zu jenem sonderbaren Traum, in dem Gott sich ihm vorstellte, scheint sich dieser Jakob nicht besonders für Gott interessiert zu haben. Für den Segen schon, aber nicht für den Segen Gottes, sondern für den Segen seines Vaters Isaak. Den hatte er sich erschlichen, indem er sich für seinen älteren Bruder Esau ausgab. Seine Mutter half ihm zu diesem Betrug, sie band ihm die Felle des Zickleins ums Handgelenk, damit er behaart wirkte wie sein Bruder Esau. Nachdem die Sache aufgeflogen war, musste Jakob vor seinem Bruder fliehen, der ihm nach dem Leben trachtete. Zuvor hatte er dem schon mit einem Linsengericht das Erstgeburtsrecht abgekauft. Es sah nicht so aus, als hätte dieser Jakob wegen all dem ein schlechtes Gewissen. Wenn sein Bruder so blöd ist, ihm sein Erstgeburtsrecht für ein paar Linsen zu verkaufen. Zwillinge waren sie. Schon bei der Geburt war Jakob seinem Bruder auf den Fersen.

Man kann nicht sagen, dass Jakob ein gottesfürchtiger und rechtschaffener Mensch gewesen war, bis zu dem Zeitpunkt eines Nachts auf der Flucht, als er sich einen Stein als Kopfkissen zurechtlegte und einschlief. Und dann hatte er einen Traum.

Kees de Kort: Verlorener Sohn
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Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld. – Der heutige Sonntag steht mit all seinen Texten ganz im Zeichen der Barmherzigkeit Gottes.
Das Evangelium erzählt die Geschichte eines Vaters, der seinen untreuen, im Leben gescheiterten und also verloren Sohn wieder aufnimmt, ihm keine Vorwürfe macht, sondern sich nur freut, dass er wieder nach Hause gekommen ist. Genau so ist Gott, sagt Jesus mit dieser Geschichte.Und der Prophet Micha ruft begeistert:
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld …; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

Seine Barmherzigkeit, sein Gnädig-Sein, sein Nachgeben, das ist das Kennzeichen, das Markenzeichen des Gottes, der sich Israel zum Volk erwählt hat und der sich uns durch Jesus Christus bekannt gemacht hat.

Täusche ich mich oder ist es doch so, dass die Entdeckung eines durch und durch gnädigen Gottes heute nicht mehr solche Begeisterungswellen auslöst wie beim Propheten Micha oder beim Reformator Luther. Haben wir uns schon so daran gewöhnt, dass Gott gnädig ist? Ein strafender Gott ist aus dem Blick geraten. Gott als strenger und gerechter Richter hat abgedankt. Die Stelle des obersten Richters ist lange schon vakant, sie wird auch nicht wieder besetzt werden. Diese Instanz wird nicht mehr angerufen. Nicht, dass es kein Vergehen, kein Versagen, keine Sünde und keine Schuld mehr gäbe! Jedoch: Wir regeln die Schuldfrage ganz diesseitig und ganz unter uns. Das sind die neuen Zeiten. Sie haben mit der Aufklärung angefangen und sind noch lange nicht zu Ende.

In den neuen Zeiten ist die Hölle geschlossen und leer. Man kann sie in manchen alten Kirchen noch besichtigen und froh werden, dass diese Zeiten vorbei sind. Und mit allem anderen Unheil straft nicht Gott den Menschen, sondern der sich selbst: Eine Seuche bricht aus, weil wir nicht hygienisch genug waren; ein Feuer, weil der Brandschutz versagte; Dürre und Hochwasser, weil wir die Luft voll CO² pumpen; schlechte Politik kommt daher, dass wir schlecht wählen; Krieg, weil wir unfriedlich und unversöhnlich sind und die Bienen sterben nicht, weil wir am Sonntag nicht mehr in die Kirche gehen, sondern weil wir jeden Tag viel und billig essen wollen. Die Sünden strafen sich selbst, der Mensch ist sein eigener Richter – erst- und letztinstanzlich. Was nützt uns Gottes Barmherzigkeit? Was kann seine Güte noch ändern?

Jakob also träumt. Aber der Traum dieser Nacht war nicht wie seine Träume am Tag, wenn er sich Reichtum vorstellte und an das schöne Leben dachte. Und an Rebekka, seine Mutter, die immer noch so schön war und die ihn so liebte. Der Traum dieser Nacht war anders. Vielleicht lag es an dem harten Stein, auf den er seinen Kopf gelegt hatte. Jakob, der – soweit ich weiß – an Gott kaum einen Gedanken verschwendet hatte, träume von Gott. Der stand vor ihm und sprach zu ihm. Und dahinter sah Jakob eine Treppe, auf der Gottesboten hoch und runter-liefen. Gottesboten, keine Gerichtsboten. Er musste nicht die Treppe hochgehen wie ein Angeklagter die Treppen des Gerichtsgebäudes. Jakob konnte liegen bleiben. Und Gott stand vor ihm. Das war keine Anklage. Das war eine höfliche Vorstellung und dann eine Mitteilung wie ein Lottogewinn. Gott sagte, er wolle ihm dieses Land hier geben und er werde viele Kinder haben. Und dann sagte er noch, er, Gott, werde ihn begleiten, sogar mit ihm sein werde er, ihn behüten und beschützen.

Jakob, der Betrüger ohne schlechtes Gewissen, der unbesorgte, der sich durchmogelt, der wird von Gott, für den er nichts übrighat, keineswegs heimgesucht und zur Rechenschaft gezogen. Sondern besucht, und zwar aufs allerfreundlichste. Jakob, der gar nicht weiß, was Treue ist, dem hält Gott die Treue.
Nun erwacht Jakob aus dem Schlaf und aus einem Traum, den er sich nie hätte träumen lassen. Und was geschieht? Er erschrickt. Er erkennt, dass Gott da ist, da wo er ist, zur Stelle. Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!, ruft er erschrocken aus. Und dann fürchtet er sich.

Liebe Gemeinde,
es ist nicht der oberste und gerechte Richter, der uns Ehrfurcht gebietet.
Es ist der gnädig Gott, der unseren Respekt gewinnt. Weil er trotz allem bei uns bleibt, weil er sich von unserer Untreue und unserem Desinteresse nicht frustrieren lässt. Weil er an unserer Seite bleibt, auch wenn wir tausendmal versuchen, ihm auszuweichen. Gott kommt und überschüttet uns mit Gnade um Gnade, mit Verheißung um Verheißung, mit Gunst um Gunst.

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen,
die geblieben …; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! …
Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen,
wie du unseren Vätern vorzeiten geschworen hast.

Amen.

Wochenlied:  Evang. Gesangbuch:  EG 615  Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

Fürbittgebet
Gott, was du sagst, tut gut, macht den Tag zu einem neuen Tag, schenkt Leben. Hilf, dass wir hören.
Und nun bitten wir für die, die verlassen und müde sind, auf einem Weg, der ans Ende führt.
Gib uns deinen Geist, dass wir aufmerksam und geduldig mit ihnen umgehen,
dass wir nicht richten ohne Erbarmen.
Wir bitten dich auch für die, die sich aufreiben in Unruhe und Angst.
Gewähre ihnen die stille Gnade deiner Nähe.
Die Starken bewahre vor Härte und Leichtsinn,
die Mächtigen vor Hochmut, die Glücklichen vor Undankbarkeit,
die Traurigen vor den Tagen ohne Hoffnung. Und den Sterbenden gib Frieden.
Lass uns aus deiner Hand nicht fallen und halte unsere gefährdete Welt an deiner leitenden Hand.

Gott, unser treuer Vater, behüte Sie und schenke Ihnen allen eine gesegnete Zeit
Ihr Pfarrer Robert Pitschak