Predigtgedanken zu Rogate – 17.05.2020

Matthäus 6, 5-13

Wochenspruch: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“

Psalm 66, 20


Liebe Gemeinde!

Dürers Betende Hände

Von einem unbekannten amerikanischen Soldaten stammt die Tagebucheintragung:

„Ich bat Gott um Stärke,
aber er machte mich schwach, damit ich Bescheidenheit und Demut lernte.
Ich erbat Hilfe, um große Taten zu vollbringen,
aber er machte mich kleinmütig, damit ich gute Taten vollbrächte.
Um Reichtum bat ich, um glücklich zu werden,
aber er machte mich arm, damit ich weise würde.
Ich bat um alle Dinge, damit ich das Leben genießen könne,
aber er gab mir das Leben, um alle Dinge genießen zu können.
Ich erhielt nichts von dem, was ich erbat,
aber alles war gut für mich.
Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhört.
Ich bin unter allen Menschen ein gesegneter Mensch.“

Gott korrigiert unsere Lebenswünsche zum Besseren, wenn wir uns auf seine Verheißungen einlassen.

Mitten in der Bergpredigt lehrt Jesus seine Jünger und damit auch uns, wie wir beten sollen:

„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler,
die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen
und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen.
Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu
und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist;
und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden;
denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen.
Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
  Mt  6, 5-13

Es ist noch kein Meister des Betens vom Himmel gefallen. Wir müssen das Beten immer wieder lernen. Beten ist kein monotones Selbstgespräch, sondern ein Dialog mit Gott. Der Beter klagt ihm eine Not oder dankt ihm für eine glückliche Wendung. Nicht, als ob Gott davon noch nichts wüsste; aber schon allein im Aussprechen vor Gott vollzieht sich ein Stück Befreiung, Entlastung, Linderung und rechte Einordnung in erfahrenes Leben. Wer betet, rechnet mit Gott. Er geht davon aus: Gott kennt mich mit Namen. Vor ihm bin ich keine Unperson, keine Nummer, kein Rädchen im Getriebe, sondern sein ureigenes Geschöpf mit seinem Qualitätssiegel. Darum darf ich ihm auch frei und offen sagen, was mich bewegt, und mich dabei auf Christi Zusage berufen. Von ihm weiß ich: Ich habe Gnade bei Gott gefunden.

Je mehr dieser Dialog mit Gott von eigenen Problemen weg zum Verstehen der Not anderer führt, desto besser lässt sich die Gefährdung durch egoistische Lebenswünsche vermeiden. Oft ist die Fürbitte die einzige Möglichkeit, etwas für andere zu tun. Was ihnen wirklich zum Leben helfen kann, bleibt dem Beter nicht selten verborgen. Darum soll er das auch nicht selbst bestimmen wollen, sondern es Gott überlassen, das Not-Wendende zur rechten Zeit zu veranlassen. Fürbitte ist das Vorrecht der Kinder Gottes. Damit haben sie zu jeder Stunde unmittelbaren Zugang zu Gott. Eine stärkere Kraft zur Abwendung von Unheil und Not haben wir nicht. Dafür ist Mose ein klassisches Beispiel. Sein Eintreten vor Gott für sein halsstarriges Volk am Fuß des Sinai beim Tanz um das Goldene Kalb führt dazu, dass Gott seinen Plan, dieses Volk im verdienten Zorn zu vernichten, ändert: „Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte“ (2. Mose 32,14).

Sollten wir von diesem Vorrecht der Fürbitte nicht auch in unserer Situation viel leidenschaftlicher und regelmäßiger Gebrauch machen? Kritik an Politikern ist relativ leicht und kostet nichts. In der freien Welt riskiert man damit auch kaum etwas. Aber hilft solche Kritik irgendjemand wirklich? Wenn notwendig-kritischen Äußerungen aber die Fürbitte für die Verantwortlichen vorausgeht, hört sich alles völlig anders an. Da wird kein Hass geschürt, sondern der Versöhnung das Wort geredet. Da will keiner den andern verletzen oder gar demütigen, sondern ihm die Augen öffnen für bessere Wege. In der Fürbitte ist die Kirche bei ihrer wichtigsten Aufgabe – im Namen Jesu.

Damit oft kurzfristig erdachte Lebenswünsche auf Gottes Lebensverheißungen eingestimmt und dabei korrigiert werden, empfiehlt sich der Rhythmus Benedikts: „Bete und arbeite!“ Zu beidem sind wir berufen. Es heißt eben nicht: Bete oder arbeite! Wir sollen so arbeiten, als ob jede Änderung zum Guten ganz allein von uns abhinge, und dürfen dabei doch die Gewissheit haben: An Gottes Segen ist alles gelegen.

In der Gemeinschaft mit anderen betet es sich leichter. Hilft das Gebet des einen nicht, dann vielleicht das Gebet des anderen. Denn nicht zu jeder Stunde sind wir zum Beten aufgelegt. Oft ist unser Kopf voller Sorgen und Angst. Dann fühlen wir uns unfähig zum Gespräch mit Gott. Aber gerade dann dürfen wir nicht allein bleiben. Vielmehr müssen uns jetzt andere durch ihr Beten mit zu Gott nehmen. Dazu bietet der Gottesdienst, den wir mit Einschränkungen jetzt wieder feiern dürfen, die beste Gelegenheit. Eine betende Gemeinde ist eine Wohltat für die Welt.

Predigtlied:  Evang. Gesangbuch:  EG 344  Vater unser im Himmelreich  (Martin Luther)

Fürbittgebet
Gott,
hilf uns zu glauben, dass dein Geist kommt, der unser Tun durchdringen und unsere Bitten prägen wird.
Und so gib uns Frieden untereinander und mit den Fremden, die uns begegnen,
und mit denen, die uns zur Last geworden sind.
Mach uns klein genug, dass wir helfen, stark genug, dass wir die anderen achten,
wachsam genug, dass wir eintreten für alles Verwundbare.
Lass unter uns deine Güte spürbar werden auch dann, wenn wir die Macht haben, Entscheidungen zu treffen.
Schließe uns zusammen zu deiner Gemeinde, die verkündet, dass du froh machst.
Erfülle uns mit dem Geist, der ein Lichtblick ist für die verwirrten, ängstlichen, sterbenden Menschen
auf dieser gefährdeten Erde.   …
Erhöre uns, Vater!  Amen.

Gott behüte Sie und schenke Ihnen allen eine gesegnete Zeit
Ihr Pfarrer Robert Pitschak

Der Beitrag verfällt am 31st May , 2020